Wer in Marl auf Bergbaugeschichte trifft, sieht weit mehr als alte Fördertürme. Das ehemalige Bergwerk Auguste Victoria erzählt von Kohle, Erz, Zuwanderung und dem Wandel einer ganzen Stadt. Ich zeige, welche historischen Spuren heute noch sichtbar sind, wo Besucher das Erbe der Zeche erleben können und was aus dem Gelände künftig werden soll.
Die wichtigsten Fakten zum ehemaligen Bergbaustandort in Marl
- 1899 gegründet und im Dezember 2015 endgültig stillgelegt
- Kohle, Blei, Zink und Silber wurden am Standort gefördert
- Der Erzschacht AV 4/5 beherbergt heute ein kleines Bergbaumuseum
- Das Fördergerüst von Schacht 4 steht seit 1995 unter Denkmalschutz
- Auf Teilen des Areals entsteht mit gate.ruhr ein neues Industrie- und Gewerbegebiet
Was die Zeche für Marl bedeutet hat
Die Geschichte begann 1899, als die Gewerkschaft Auguste Victoria gegründet wurde. Wenige Jahre später setzte in Marl ein industrieller Aufschwung ein, der aus einer eher ländlich geprägten Gemeinde einen bedeutenden Standort im nördlichen Ruhrgebiet machte.
Für viele Familien war die Zeche mehr als ein Arbeitgeber. Sie prägte den Alltag, die Wohnviertel, Vereine und sozialen Beziehungen. Noch heute erinnern Bergarbeitersiedlungen in Marl-Hamm und Brassert an diese Zeit. Ich finde gerade diese Verbindung zwischen Zechengelände und Wohnquartieren wichtig, weil sie zeigt, dass Bergbaugeschichte nicht nur aus Technik besteht, sondern auch aus gelebter Stadtgeschichte.
Die Förderung endete im Dezember 2015. Damit verschwand einer der letzten aktiven Steinkohlebergbaustandorte im Ruhrgebiet. Die Stilllegung war wirtschaftlich und politisch lange vorbereitet, für viele Beschäftigte und Anwohner blieb sie trotzdem ein einschneidender Einschnitt.
Warum der Erzschacht eine besondere Rolle spielt
Auguste Victoria war keine gewöhnliche Zeche. Beim Auffahren einer unterirdischen Strecke wurde 1930 Bleizinkerz entdeckt. Ab 1936 förderte man neben Steinkohle auch Blei, Zink und später Silber. Für den Ruhrbergbau war diese Kombination außergewöhnlich.
Der Bereich AV 4/5 erhielt deshalb den Namen Erzschacht. Der Erzabbau endete bereits 1962, doch die Geschichte des Standorts blieb ungewöhnlich vielseitig. Insgesamt wurden dort mehrere Millionen Tonnen Roherz sowie große Mengen Blei, Zink und rund 250 Tonnen Silber gewonnen.
Auch technisch ist der Standort interessant. Schacht 4 wurde nach dem Ende der Erzförderung noch für Bewetterung und Grubenwasserhaltung genutzt. Erst 1999 endete diese Funktion. Wer sich für Industriegeschichte interessiert, bekommt hier deshalb ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich die Aufgaben eines Bergwerks über Jahrzehnte verändern konnten.

Welche Sehenswürdigkeiten heute noch erhalten sind
Das wichtigste erhaltene Bauwerk ist das Fördergerüst über Schacht 4. Es steht seit 1995 unter Denkmalschutz und vermittelt noch heute einen guten Eindruck von den Dimensionen des früheren Betriebs. Besonders eindrucksvoll ist die Maschinenhalle mit ihrer großen Fördermaschine und den technischen Nebenaggregaten.
Im Untergeschoss befindet sich ein lokales Bergbaumuseum. Dort sehe ich den eigentlichen Wert des Ortes nicht in einer möglichst großen Ausstellung, sondern in den authentischen Gegenständen. Arbeitskleidung, Grubenlampen, Schichtbücher, Werkzeuge, Gesteine und Erzbrocken machen die Arbeit unter Tage verständlicher als viele abstrakte Schautafeln.
Auch das Außengelände gehört zum Erlebnis. Historische Grubenloks, Loren und weitere Geräte zeigen, wie Material und Menschen auf dem Zechengelände bewegt wurden. Die Räumlichkeiten werden außerdem für Führungen, Lesungen, Ausstellungen und Veranstaltungen genutzt.
Ein weiterer Erinnerungsort liegt nicht direkt am Fördergerüst. Die Bronzeskulptur der Kaiserin Auguste Victoria wurde nach der Stilllegung in die Fußgängerzone von Marl-Hüls versetzt. Außerdem nutzt die Stadt ehemalige Verwaltungsgebäude der Zeche heute als Stadthaus. So begegnet man der Geschichte an mehreren Stellen im Stadtgebiet und nicht nur auf dem früheren Betriebsgelände.
So lässt sich der Standort heute besichtigen
Der Erzschacht ist kein Museum mit einem durchgehend festen Besuchsbetrieb wie ein großes Industriemuseum. Besichtigungen finden teilweise nach Vereinbarung oder im Rahmen von Veranstaltungen statt. Wer spontan anreist, sollte deshalb nicht automatisch mit geöffneten Innenräumen rechnen.
Ich würde den Besuch vorab mit einer Führung oder einer öffentlichen Veranstaltung verbinden. Besonders geeignet sind Kulturtermine wie die ExtraSchicht, lokale Industriekultur-Veranstaltungen oder der Tag des offenen Denkmals. Dann sind häufig auch Bereiche zugänglich, die bei einem einfachen Spaziergang von außen verborgen bleiben.
- Vorher prüfen: Öffnungszeiten, Führungstermine und Zugangsmöglichkeiten können sich ändern.
- Mehr Zeit einplanen: Für Museum, Außengelände und die historischen Spuren in Marl-Hüls sind mindestens zwei bis drei Stunden sinnvoll.
- Bequem anreisen: Bei größeren Veranstaltungen können Parkplätze knapp sein, daher lohnt sich die Anreise mit Fahrrad oder öffentlichem Nahverkehr.
- Respektvoll bleiben: Teile des ehemaligen Zechengeländes sind weiterhin Betriebs- oder Entwicklungsflächen und nicht frei zugänglich.
Für Familien ist der Ort vor allem dann interessant, wenn Kinder einen Bezug zu Maschinen, Transport und Technik haben. Wer eine spektakuläre Erlebniswelt erwartet, könnte enttäuscht sein. Wer dagegen echte Industriegeschichte und persönliche Einblicke sucht, bekommt hier einen deutlich authentischeren Eindruck.
Vom Zechengelände zum neuen Wirtschaftsstandort
Nach der Stilllegung begann nicht einfach eine neue Nutzung, sondern ein langwieriger Umbau. Auf Teilen des früheren Areals entsteht das Industrie- und Gewerbegebiet gate.ruhr. Ziel ist es, Arbeitsplätze zu sichern, neue Unternehmen anzusiedeln und brachliegende Flächen wieder nutzbar zu machen.
Dieser Prozess zeigt, wie anspruchsvoll die Nachnutzung ehemaliger Bergwerksflächen ist. Gebäude müssen entkernt, Schadstoffe beseitigt und Böden sowie technische Anlagen geprüft werden. Bei der ehemaligen Schachtanlage 1/2 wurden 2025 unter anderem zehn Gebäude auf einer Fläche von rund 12.000 Quadratmetern saniert und für eine mögliche Folgenutzung vorbereitet.
Für die Stadtentwicklung ist das eine wichtige Chance, aber kein schneller Selbstläufer. Neue Gewerbeflächen bringen nur dann einen nachhaltigen Nutzen, wenn Verkehr, Arbeitsplätze, Umweltauflagen und das historische Erbe zusammen gedacht werden. Nach meiner Einschätzung liegt die größte Stärke des Standorts darin, Erinnerung und neue Nutzung sichtbar miteinander zu verbinden.
Ein Beispiel dafür ist die geplante Aufstellung einer geretteten AV-Seilscheibe vor dem Stadthaus 1. Das sieben Meter große und rund zwölf Tonnen schwere Bauteil soll künftig als Landmarke an die Bergbauzeit erinnern. Solche Elemente wirken im Stadtbild oft stärker als eine rein abgeschirmte Museumsfläche, weil sie Geschichte in den Alltag zurückholen.
Was vom Bergwerk in Marl bleiben sollte
Der Standort ist heute weder vollständig erhalten noch vollständig verschwunden. Genau darin liegt sein Reiz. Das Fördergerüst, die Maschinenhalle, das Museum, die Siedlungen und die geplante Seilscheibe ergeben zusammen ein dezentrales Erinnerungsnetz über Marl.
Wer den Ort besucht, sollte deshalb nicht nur nach dem alten Zechentor suchen. Sinnvoller ist ein Rundgang, der Erzschacht, Marl-Hüls und die Bergarbeitersiedlungen miteinander verbindet. So wird verständlich, wie eng Industrie, Wohnen und Stadtentwicklung in Nordrhein-Westfalen miteinander verbunden waren und bis heute sind.
Die wichtigste Erkenntnis bleibt für mich, dass Auguste Victoria kein abgeschlossenes Kapitel ist. Der aktive Bergbau endete 2015, doch seine Gebäude, Geschichten und Flächen wirken in Marl weiter und geben der Stadt zugleich die Möglichkeit, aus ihrer Vergangenheit eine tragfähige Zukunft zu entwickeln.